Der Schädel als Motiv

Über „Todessymbole“

Kürzlich hörte ich – ich glaube bei Jens Oertel – die Geschichte eines jungen Mannes, der jedes Mal, wenn er seinen Pullover mit makabren Bildern trug, feinstofflich und energetisch deutlich geschwächt wurde. Ich selbst habe mal mit einem ganz netten Kollegen gearbeitet, der gern Gothic-Sachen, Skelette und Ähnliches trug – und der durchaus gewisse, das übliche Maß überschreitende psychologische Besonderheiten hatte. Von „Problemen" will ich gar nicht sprechen.

Ob das Symbol „Schädelknochen" dabei aber Ursache war oder eher Symptom, ob es Probleme verstärkt oder nur sichtbar macht – das verdient, finde ich, einen zweiten Blick. Eine zwanghafte Beschäftigung mit dem Tod ist sicherlich ungesund, das müssen wir nicht ausführen. Und als gedankenloser Aufmerksamkeits-Trigger taugen solche Symbole vermutlich auch nicht: Das finde ich geschmacklos, und wenn man Herrn Oertel ernst nimmt (an dessen Sensitivität mit Wünschelrute etc. ich nicht zweifle), ist der unbewusste Umgang mit derart starken Symbolen der Gesundheit auch nicht zuträglich.

Was ist das nun für ein Symbol? Eine Signalwirkung hat es zweifellos. Es zeigt, was unter unserem lebendigen, veränderlichen Gesichtsausdruck liegt: die zeitlose, unbewegte, knöcherne Maske unserer Sterblichkeit. Das sehen wir spontan, ohne dass eine Erklärung nötig wäre. Es kann ein Aufruf zur Besinnung sein – das klassische Memento mori.

Kulturell ist der Schädel ein erstaunlich vielseitiges Motiv: in der christlichen Vanitas-Malerei eine fromme Mahnung an die Vergänglichkeit, auf der Piratenflagge eine unmissverständliche Drohung, in den mexikanischen Calaveras am Día de los Muertos ein fröhlich-buntes Fest der Lebenden mit ihren Toten. Als militärisches Zeichen kennt es die Geschichte schon bei den preußischen Totenkopfhusaren des 18. Jahrhunderts – und auf seiner dunkelsten Seite als Insignie der SS, die das alte Symbol für ihre Zwecke gekapert hat. Dasselbe Motiv, sehr unterschiedliche Stimmungen.

Als jemand, der mal Anatomie gelernt hat (nicht allzu fleißig, muss ich gestehen), sehe ich im Schädelknochen aber nicht unbedingt nur den „Totenkopf". Es ist auch einfach das Schneckenhaus, in das sich das Gehirn zurückgezogen hat – eine wirklich robuste Behausung, nicht wahr? Ist ein harter Schädel nicht eigentlich der Garant dafür, dass man lange lebt?

Das Symbol hat diese zwei Seiten: die Erinnerung an die eigene Sterblichkeit und die Behauptung, dass der Träger des Schädels selbst geschützt sei. Oder, etwas härter gewendet, die Drohung: Ich, der Träger, muss mich nicht fürchten – aber Sie, der Sie das sehen, sehr wohl! Ihr Kopf ist in Gefahr!

All das kann das Symbol ausstrahlen. Es hängt also ein bisschen von Ihnen ab, wie Sie damit umgehen.

Nawi